Mit Literatur und Chatbots gegen Jugendstraftaten

Ein Jugendlicher und ein Mentor während einer Leseweisung

Wenn Jugendliche Straftaten begehen, müssen Richter*innen individuell entscheiden, welche Strafen als Antwort geeignet sind. Denn nicht die Bestrafung soll im Vordergrund stehen, sondern die Chance auf einen Neuanfang. Immer mehr Jugendgerichte sehen in Leseprojekten wie der Initiative KonTEXT eine pädagogische Möglichkeit, auf Jugendstraftaten zu reagieren. Auch Studien zeigen, dass Bildungsförderung eine Abkehr der jungen Menschen von der Kriminalität begünstigen kann.

Das Projekt KonTEXT der Hochschule München gibt es schon seit zehn Jahren. In sogenannten Leseweisungen, die von Gerichten angeordnet werden, müssen sich die Jugendlichen intensiv mit einem Buch ihrer Wahl auseinandersetzen. Dieses „Müssen“ ist oft der Knackpunkt: „Die Jugendlichen wurden ja von Richter*innen zum Lesen angewiesen – große Lust haben die wenigsten dazu“, sagt Ramona Weisenbach, eine der Projektmitarbeitenden von KonTEXT. „Dabei bringt die Auseinandersetzung mit Literatur in vielen Fällen mehr, als Sozialstunden beim Müllsammeln abzubummeln.“ Die Jugendlichen benötigten dann häufig Motivation von außen, um bei der Stange zu bleiben oder sogar Spaß am Lesen zu entwickeln. Mehr als 50 Studierende der Hochschule München in jedem Semester nehmen deshalb regelmäßig die Rolle einer Mentorin oder eines Mentors ein und führen die Maßnahmen mit den Jugendlichen durch. Sie fragen nach, interessieren sich, geben Denkanstöße. In Zusammenarbeit mit zwei Jugendarrestanstalten in München und Landshut hat das Team bereits über 7.000 junge straffällige Menschen begleitet.

Welches Buch sie lesen wollen, dürfen sich die Jugendlichen selbst aus einer großen Bibliothek aussuchen: „Autobiografische Romane wie Daniel Grey Marschalls No exit sind sehr beliebt. Darin geht es um die Schwierigkeiten des Erwachsenwerdens. In persönlichen Geschichten finden sich die Jugendlichen oftmals selbst wieder und reflektieren ihr Handeln“, erklärt KonTEXT-Mitarbeiter Martin Reichardt. Nach regelmäßigen Treffen mit dem Mentor oder der Mentorin und Diskussionen über das Gelesene folgt eine Abschlussarbeit. Kurzgeschichten, Collagen, Zeichnungen oder Musikstücke sind nur einige kreative Möglichkeiten. Das kommt an bei den jungen Menschen: „Viele Jugendliche erzählen uns, dass sie gerne weiterlesen möchten und manche präsentieren uns zum Abschluss schon ihr nächstes Buch“, sagt Martin Reichardt. Auch freiwillige Lesegruppen in den Jugendarrestanstalten gehören seit Beginn des Projekts fest zum Angebot.

Gern würde das KonTEXT-Team mit noch mehr jungen Menschen arbeiten, doch die individuelle Betreuung ist aufwendig und zeitintensiv. Bislang fehlen digitale Lernangebote, mit denen die Jugendlichen eigenständig an ihrem Leseprojekt arbeiten und Zugriff auf vielfältigere Materialien erhalten können. Die Teilnahme an digital.engagiert liefert nun neue Impulse: Inspiriert von „Gamification“-Ansätzen, also dem Einsatz von spielerischen Elementen, entwickelt das Team einen Chatbot oder Avatar. Dieser soll die Jugendlichen ans Lesen erinnern und belohnen, wenn sie beharrlich dabeigeblieben sind – so wie andere Apps dies beim Sporttreiben oder Sprachenlernen machen. Gleichzeitig soll der Chatbot Inspiration liefern, zum Beispiel mit passenden Videos oder Podcasts zum Thema des Buches. Martin Reichardt erklärt: „Die Idee zu 'KonTEXT goes digital' gibt es schon länger. Doch erst durch die Chance, bei digital.engagiert mitzumachen und von dem Know-How des Netzwerks zu profitieren, hat diese Idee richtig Fahrt aufgenommen.“ Unterstützt wird das Team dabei von ihrem Coach Marlon Maas, Organisationsentwickler bei der Engagement-Plattform youvo.org.

Dank der innovativen Lernmethoden, die das Team nun entwickelt, werden hoffentlich bald noch mehr junge straffällige Jugendliche Literatur als Mittel zur Selbstreflektion entdecken können.


Das Titelbild stammt vom Bayerischen Rundfunk aus der Sendereihe Campus Magazin; Titel: „Tue Gutes – Wie sich Studenten engagieren".