Rapper*innen ohne Grenzen: Wenn das Klassenzimmer zum Konzertsaal wird

Cool, lässig und engagiert: Rapper*innen ohne Grenzen unterstützen junge Geflüchtete beim Deutschlernen. (Foto: Rapper*innen ohne Grenzen)
Die Corona-Pandemie hat das Team gezwungen, den Schritt in die virtuelle Welt zu wagen und das Bildungsangebot zu digitalisieren. (Foto: Rapper*innen ohne Grenzen)
Chancengleicher Zugang zu Spracherwerb, Bildung und Arbeitsmarkt durch das (digitale) Bildungsangebot des Teams. (Foto: Rapper*innen ohne Grenzen)

„Deutsch lernen ist hartes Brot,

doch ich gebe meinen Senf dazu.

Wir werden keine kleinen Brötchen backen,

wir werden Spaß haben, dabei fröhlich lachen.

Pass‘ auf, ich hab‘ dir was zu zeigen:

Man kann Deutsch lernen mit krassen Reimen!“

 

Fehlen nur noch der Beat und die Stimme und fertig ist der Rap-Song. Aber worum geht es hier? Mit Rap-Musik Deutsch lernen, kulturelle Besonderheiten entdecken und Teil der Gesellschaft werden – das alles gibt es in den Workshops und dem digitalen Bildungsangebot von Rapper*innen ohne Grenzen, einem Team von digital.engagiert. Indem die Berliner Initiative jungen Geflüchteten über Rap-Musik Sprache und Kultur vermittelt, stellt es Weichen für die Überwindung von persönlichen und sozialen Grenzen.

 

Mach Sprache zu deinem Wohnzimmer

„Mein Vater kommt aus Ghana und Deutsch ist nicht seine Muttersprache. Deshalb habe ich früh gemerkt, welchen Unterschied es macht, ob du dich in einer Sprache zuhause fühlst,“ erzählt Kofi Darkwa, der Rapper*innen ohne Grenzen Ende 2018 ins Leben gerufen hat. Indem er als Jugendlicher Rap-Texte geschrieben und übersetzt hat, hat er Sprachen gelernt. Was ihn motivierte, soll auch Geflüchteten dabei helfen: Deutsch lernen, Kontakte knüpfen und Zugang zu Bildung oder dem Arbeitsmarkt finden. „Es gibt viele Geflüchtete in Deutschland. Es ist oft nicht ihre eigene Entscheidung, Deutsch zu lernen. Viele haben deshalb auch wenig Spaß daran,“ schildert Kofi die Problematik. Seine Lösung: Er gibt Workshops für Geflüchtete im Alter von zwölf bis 25 Jahren – in Willkommensklassen, an Schulen und in Unterkünften für Geflüchtete. Sie lernen Deutsch – Grammatik, Vokabeln und Redewendungen – anhand von selbstgeschriebenen Rap-Texten.

„Viele junge Menschen haben Spaß an Musik. Wieso also nicht den Spracherwerb damit verbinden,“ ergänzt Paul Volkmer, Grafiker und Kameramann im Team. Unbegründet ist das nicht: Musik und die Kreativität beim Texten stützen die Erinnerung. Gleichzeitig wird Sprache durch Musik und die Geschichten, die damit erzählt werden, zum Instrument, mit dem man experimentieren und Spaß haben kann. Hinter dem Projekt steckt aber mehr: Neben dem Spracherwerb geht es um Empowerment. Junge Geflüchtete gewinnen an Selbstbewusstsein, wenn sie einen Text auf einer Sprache rappen, die nicht ihre Muttersprache ist. Die gewonnene Sprachkompetenz verbunden mit dem gestärkten Selbstbewusstsein beeinflusst, ob sich die Jugendlichen in der neuen Sprache zuhause fühlen.

 

Der Schritt in das virtuelle Rap-Studio

Vor der Corona-Pandemie fanden die Workshops analog statt. Laute Musik, rappende Menschen und eine lockere Atmosphäre sorgten bei den Jugendlichen für Begeisterung und weckten ihr Interesse für die Sprache. Typischerweise gibt es zu Beginn jedes Workshops einen Input: Die Workshop-Songs werden vorgerappt, Texte gemeinsam durchgegangen und Unklarheiten geklärt. In der zweiten Workshop-Hälfte werden die Teilnehmenden selbst kreativ. Basierend auf den frisch gelernten Vokabeln oder Grammatikregeln werden Songtexte geschrieben, gemeinsam gerappt und verinnerlicht. Außerdem hat das Team ein Konzept für Patenschaften erarbeitet: Gemeinsam mit Rapper*innen be- und erarbeiten Kinder und Jugendliche Texte – das Ganze one-on-one.

Als Präsenz-Workshops nicht mehr möglich waren, zogen Kofi und sein Rapper*innen-Team in die digitale Welt um. Seither finden Workshops online statt und zusätzlich gibt es ein digitales Bildungsangebot in Form von kostenlosen Videos auf der Website. Für die Digitalisierung des analogen Konzepts hat das Team viel ausprobiert und Feedback von den Workshop-Teilnehmer*innen eingeholt. Denn klar war, der Spaßfaktor muss erhalten bleiben. „An digitale Live-Events haben wir uns nur zögerlich herangetraut – haben aber schnell festgestellt, wie cool digitale Formate sind. Es ist schön zu sehen, dass man Menschen trotz der Distanz erreichen kann,“ berichtet Paul.

 

Hürden mit effizienten Lösungen und Mut überwinden

Durch den Fokus auf das Digitale sah sich das Team mit neuen Herausforderungen konfrontiert. Ist die technische Ausstattung – Rechner, stabiles Internet, Headset – bei den Lernenden vorhanden? Können die Lernenden ein digitales Angebot überhaupt wahrnehmen? Ihr Video-Angebot auf der Website bietet eine Zwischenlösung. Wer an einem Live-Workshop nicht teilnehmen kann, hat die Möglichkeit Videos auf dem Smartphone anzuschauen. Eine weitere Hürde, die es nicht erst mit der Digitalisierung der Workshops zu überwinden gilt, ist die Unsicherheit vieler Geflüchteter. „Nicht jede*r ist auf Anhieb davon überzeugt, dass sie oder er rappen kann. Unsere Aufgabe ist es, die Kids dazu zu motivieren, an sich selbst zu glauben und es zu versuchen,“ erklärt Paul. Die Erfahrung zeigt: Mut hat sich bisher immer bezahlt gemacht.

 

Rückwärts arbeiten, um vorwärtszukommen

Nicht nur Herausforderungen haben das Team auf seinem Weg begleitet. Die Rapper*innen ohne Grenzen haben auch tolle Meilensteine erlebt: die Vereinsgründung wurde eingeleitet und der Ausbau der Online-Präsenz sowie die Einführung des digitalen Bildungsangebots waren erfolgreich. Auch die digital.engagiert-Reise hat viel Dynamik in das Projekt gebracht. „Durch die Initiative ist unsere Website am Start. In diesem Umfang hätten wir das allein so schnell nie realisieren können,“ erzählt Kofi. Besonders hilfreich war für ihn der Working Backwards-Workshop mit Amazon, AWS und Stifterverband. „Die unterschiedlichen Perspektiven der Coach*innen, der Expert*innen und der anderen Teams auf die Zielgruppe und ihre Bedürfnisse waren spannend. Ich fand es cool, einen Schritt zurückzugehen,“ berichtet er. Die Erkenntnis und damit das nächste selbstgesteckte Ziel: den Mehrwert, den Online-Content bietet, weiter ausschöpfen. Für das Team bedeutet das, mehr Lern-Videos zu produzieren, sodass die Zielgruppe unabhängig von Ort und Zeit auf das Angebot zurückgreifen kann. Kofi und Paul denken groß für die Zukunft: Das Online-Angebot soll auf Sprachen wie Englisch, Spanisch oder Französisch ausgeweitet werden.